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Lilienthal und der Bergbau

Welches war das erste Dorf der Welt mit Gasbeleuchtung? - Der Ort Burgk, heute Ortsteil von Freital in Sachsen.
Wo fuhr die erste elektrische Lokomotive der Welt im Dauerbetrieb? - Im Oppelschacht der Königlich Sächsischen Steinkohlenwerke Zauckerode. Zauckerode gehört heute ebenfalls zu Freital.
Woher kommt die erste Ballonfahrerin Deutschlands? - Aus Döhlen, heute ebenfalls Freital, unweit der Landeshauptstadt Dresden.

Zeichnung

Handschrämmaschine Lilienthals in einer zeitgenössischen Zeichnung (Österreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 2. 5. 1878)

Aber nicht diese besondere Episode der Luftfahrtgeschichte ist es, die Otto Lilienthal mit Freital und dem Bergbau verbindet. Lilienthal hat hier einige Wochen verbracht, die wohl zu den besonders schönen und folgenreichen seines Lebens gehört haben dürften, was mit Sicherheit nicht in den idyllischen Bedingungen im Bergbau jener Zeit begründet ist.

Im Plauenschen Grund, dem "Tal der Arbeit", wie das hoch industrialisierte Weißeritztal in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts genannt wurde, lernte Otto Lilienthal seine spätere Ehefrau Agnes, geborene Fischer, die Tochter des Bergmanns Carl Herrmann Fischer kennen. Fischer arbeitete als Obersteiger in den Königlich Sächsischen Steinkohlenwerken und die Begegnung mit Lilienthal war kein Zufall. Lilienthal hatte mit Fischer zusammengearbeitet, später sogar bei ihm gewohnt, als Carl Hoppe, der bekannte Berliner Maschinenfabrikant und Lilienthals Arbeitgeber ihn in den Steinkohlenbergbau geschickt hatte um die neue Bergbaumaschine der Firma zu erproben. Es war vielleicht Lilienthals erste dienstliche Reise, sein erster Montageauftrag als Ingenieur. Dieser Teil der Geschichte ist weitgehend bekannt, einschließlich der privaten Folgen, die der Einsatz für Otto Lilienthal hatte.

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Präsentation der Maschine am 8. Sept. 2006 im Museum, durch Reinhold Klaus, Vorsitzender des Freitaler Bergbau- und Hüttenvereins im Parade-Habit der Beamten der Königlich Sächsischen Steinkohlenwerke Zauckerode

Sehr unterschätzt wurde bisher aber möglicher Weise der Beitrag, den Lilienthal selbst zur Mechanisierung des Bergbaus leistete. Die Fährte zu Lilienthals eigener Schrämmaschine legte Frau Juliane Puls, Städtische Sammlungen Freital, auf deren Hinweis der komplette Schriftverkehr zwischen Lilienthal und dem Direktor der Steinkohlenwerke im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Dresden aufgefunden wurde. Er gibt Aufschluss über Lilienthals Bemühungen und Erfolge bei der Entwicklung seiner Handschrämmaschine. Dass die Maschine heute verstanden wird und als Funktionsmodell im Otto-Lilienthal-Museum zu sehen ist, das ist einem außerordentlich kreativen und engagierten Freitaler Team aus Historikern und Ingenieuren zu danken. Herr Bernd Mätzler und seine Kollegen Dr. Helmut Grimm und Christoph Weller vom Beruflichen Schulzentrum für Technik und Wirtschaft haben ein Schulprojekt ins Leben gerufen und gemeinsam mit dem Initiator Günter Siebert, Heinz-Jürgen Kräupl und Hans Walther die Bergbaumaschine in mehrjähriger Arbeit im Maßstab 1:2,5 rekonstruiert.

Bei der Präsentation im September 2006 im Museum stießen sie auf überraschend breites Interesse (Nordkurier: "Was zum Schrämen am Lilienthal-Tag", "Mit Ideen die Welt verändern"; Ostsee-Zeitung: "Lilienthals Erfolg begann unter Tage"). Das überraschende Zusammentreffen von Bergbautradition und Grubenlicht mit den Zeugnissen der Eroberung des Himmels dürfte dazu nicht unwesentlich beigetragen haben. Natürlich war R. Klaus im Parade-Habit der Königlich-Sächsischen Steinkohlenwerke Zauckerode der Blickfang für alle Anwesenden, für die Kameras und die Fotoapparate der Presse. Zahlreiche Gäste, darunter Reinhard Halle, Enkel Gustav Lilienthals, waren angereist. Der NDR-Rundfunk berichtete 10 Minuten über das Modell und dessen Entstehung. Auch N3 berichtete ausführlich.

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Moderne Technik für einen Oldtimer: Zahnrad, gefertigt im Wasserstrahl-Labor der TU Dresden

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Eine dreistellige Zahl von Einzelteilen musste entworfen, hergestellt und montiert werden, um die Maschine wiedererstehen zu lassen.

In den einschlägigen Lilienthal-Biografien liest man etwa Folgendes: "Nach dem Misserfolg der Hoppeschen Maschine erprobte Lilienthal eine eigene Konstruktion, der aber auch kein größerer Erfolg beschieden war." Diese Einschätzung muss vermutlich korrigiert werden. Noch 1925, lesen wir im "Handbuch der Ingenieurwissenschaften "Lilienthal baute eine leichte, mit Kurbel von Hand zu betreibende Schneidscheibe, die sich beim Salzbergbau in Wiliczka in Verbindung mit Sprengarbeit gut bewährte". Offenbar war die Maschine fast 50 Jahre nach ihrer Patentierung noch bekannt, und das in einer Zeit stürmischer Industrialisierung.

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Gleichzeitig klafft in den Lilienthal-Biografien zwischen 1878 und 1883 eine auffällige Lücke. 1878 endet die Bergbau-Akte und 1883 gründet er seine Berliner Dampfkessel-Fabrik. Patente und Maschinen auf dem neuen Gebiet der Dampfkraft stammen aber bereits aus dem Jahre 1881. Vielleicht war es der Erfolg der Schrämmaschine, der Lilienthal zunächst zum "freien Erfinder", noch ohne eigene Fabrik werden ließ. Sein Bericht von einem "durchschlagenden Erfolg" (14. Juni 1878, an den Direktor der Steinkohlenwerke), der Lieferung von sieben Maschinen in das Salzbergbaurevier Wieliczka bei Krakau lässt darauf schließen.

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Gesamtansicht des Funktionsmodells im Maßstab 1:2,5

An einer zweiten Stelle wird auf eine Weiterentwicklung der "vergessenen Maschine" hingewiesen. In der Zeitschrift Prometheus veröffentlicht Heinrich Seidel, Inhaber einer mechanischen Werkstatt, die in den genannten Jahren für Lilienthal produzierte, einen Leserbrief: "Vielleicht hat es Interesse für Sie, zu erfahren, dass die in Nr. 365 Ihrer geschätzten Zeitschrift dargestellte Kettensäge welche danach eine neue amerikanische Erfindung sein soll, schon ein ziemlich hohes Alter hat und eine deutsche Erfindung ist. Unser leider viel zu früh gestorbener Otto Lilienthal benutzte die Kettenfräse schon im Jahre 1878 für eine von ihm construierte und von mir ausgeführte Schrämmaschine [...]. Vorher, in den Jahren 1877 - 78 wurde eine Anzahl Schrämmaschinen gebaut, leichtes System Lilienthal. [...] Beiliegend sende ich Ihnen noch zwei vorhandene Kettenglieder." Seidel erwähnt dann, dass die Weiterentwicklung der Schrämmaschine mit Schneidrad zu einer Kettensäge ein Versuch blieb.

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Dr. H. Grimm, H. Walther und H.-J. Kräupl bei der Endmontage in den Räumen der Firma Metallbau Hans Walther in Possendorf.

Es bleibt zu ergänzen, dass auch die Schrämmaschine Teil der Geschichte des ungleichen und kreativen Brüderpaares Otto und Gustav Lilienthal ist. In der Freitaler Zeit sahen beide ihre Zukunft sogar in einem gemeinsamen Unternehmen. Ihr erstes Patentgesuch unterzeichnen sie mit "Gebrüder Lilienthal". In Freital waren die Brüder gemeinsam unter Tage. Die Patente auf die Schrämmaschinen werden von Gustav angemeldet, obwohl Otto der offensichtliche Erfinder ist.

In Freital wurde ein neues Stück Lilienthal-Geschichte zu Tage gefördert.

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Details der Maschine und die Geschichte des Nachbaus sind auf den Seiten des Beruflichen Schulzentrums Freital umfassend dokumentiert. Das Schulzentrum hat die Lilienthal-Geschichte zum Anlass genommen, sich zu seinem 10-jährigen Jubiläum den namen "Otto Lilienthal" zu geben. Die Namensgebung fand am 9. 10. 2008 statt.

Die Lebensgeschichte der Lilienthals und ihrer fast unzähligen Erfindungen ist nachzulesen in der Biografie von Runge/Lukasch.

Mehr zu Wilhelmine Reichard und Freital findet man auf der Präsentation der Stadt.