Die Fotografen Lilienthals - jeder selbst ein
Pionier Die Angaben zu den
Lilienthal-Photographen wurde teilweise dem Buch: Werner
Schwipps: "Der Mensch fliegt"
entnommen. Carl Kassner Der Meteorologe Carl Kassner aus Berlin
photografierte Lilienthal als erster, und zwar bei den Versuchen 1891
in Derwitz und 1892 in Berlin-Südende. Kassner war 1890 in das
Preußische Meteorologische Institut eingetreten, dessen
vornehmste Vertreter eine führende Rolle im Verein zur
Förderung der Luftschiffahrt spielten. Wahrscheinlich
rührt daher seine Bekanntschaft mit Lilienthal. Im Januar 1892
wurde er selbst Mitglied im Verein, und im gleichen jahr promovierte er
über "kreisähnliche Cyklonen". Später hat er
an mehreren wissenschaftlichen Ballonfahrten des Vereins teilgenommen,
dabei neue meteorologische Instrumente erprobt und durch hervorragende
Wolkenphotos von sich reden gemacht. Ottomar
Anschütz Anschütz hatte 1868 in
Lissa das Photoatelier seines Vaters übernommen und sich von
1882 an hauptsächlich der Entwicklung
der Momentphotographie gewidmet. Er entwickelte den ersten
brauchbaren, unmittelbar vor der Negativplatte angeordneten
Schlitzverschluss, der mit der Goertz
- Patent Anschütz - Kamera große
Verbreitung fand. 1888 eröffnete er eine Filiale in Berlin und
wählte die Hauptstadt zum ständigen Wohnsitz.
Der Anschützsche Schnellseher
war ein Vorläufer der Kinematographie. Einige Apparate wurden
damals in Berlin öffentlich aufgestellt und konnten durch
Geldeinwurf in Bewegung gesetzt werden. Die Reihenaufnahmen waren auf
eine Scheibe aufgesetzt und wurden beim Drehen der Scheibe optisch zu
Bewegungsbildern umgesetzt. Die Schnellseher wurden von der Firma
Siemens & Halske in Berlin produziert und waren eine besondere
Attraktion der Weltausstellung 1893 in Chicago. Im fotografischen Nachlass Lilienthals
befanden sich auch Bilder aus der Serie
"Störche" (1884) und die Flugphasen
des Kranichs (1890), die für die Darstellung als
bewegte Bilder in der "Wundertrommel" präpariert waren. Es
liegt die Annahme nahe, dass Lilienthal bereits im Rahmen seiner
Untersuchungen zum Vogelflug Kontakt zu Anschütz hatte.
Im Jahr 2007 wurde dem
Fotografen Anschütz im Museum eine
Sonderausstellung gewidmet.

Alex
Krajewski Aus den Atelier des Berufsphotographen
Alex Krajewski stammen die Momentaufnahmen von den Versuchen im Sommer
1893 in den Rhinower Bergen. Krajewski hatte sein erstes Atelier in
Spandau bei Berlin. Er avancierte im gleichen Jahr zum
"Hofphotographen" des Prinzen Aribert von Anhalt. Inzwischen ist zweifelhaft geworden, ob die
Rhinower Flugaufnahmen von Krajewski selbst oder von seinem Gehilfen
Henry Magel angefertig worden sind. 
Richard
Neuhauss Der praktische Arzt Dr. Richard Neuhauss
aus Berlin machte als begeisterter Amateurphotograph 1895 zahlreiche
Flugaufnahmen am Fliegeberg. Ihm verdanken wir überhaupt die
meisten Momentaufnahmen von Lilienthal. Darunter sind fast alle Photos
vom sogenannten Vorflügelapparat sowie von den beiden
Doppeldeckern. Lilienthals
Aufsatz "Fliegesport und Fliegepraxis",
1895 im Prometheus veröffentlicht, ist mit der Anmerkung
versehen: "Die Aufnahmen
erfolgten von den Herren Dr. Neuhauss und Dr. Fülleborn mit
der von Dr. Neuhauss construierten Stegemannschen Geheimcamera."
Über Fülleborn hat
sich bisher nichts herausfinden lassen, die Stegemannsche Geheimkamera
ist nach der Berliner Firma A. Stegemann benannt. Geheimkameras nannte
man damals leichte und äußerlich
unauffällige Handkameras, mit denen schnell und nahezu
unbemerkt Momentaufnahmen "geschossen" werden konnten. Von der Firma
Stegemann, die ursprünglich eine Kunsttischlerei war,
heißt es, sie wäre im Bau hölzerner Kameras
unereicht. Stegemanns
Geheimkamera war mit einem ungewöhnlich lichtstarken Objektiv
der Firma Zeiß von 10,5 cm Brennweite ausgestattet. Die
Breite des Rolloschlitzverschlusses war zwischen 0,2 und 8 cm
verstellbar. Der Verschluss hatte einen besonders ruhigen und
gleichmäßigen Gang und erlaubte in Verbindung mit
dem Zeißobjektiv selbst unter eingeschränkten
Lichtverhältnissen noch kurze Belichtungszeiten. So hat
Neuhauss beispielsweise die Photos vom Vorflügelapparat am 29.
Mai 1895 abends zwischen Sechs und halb Sieben am Fliegeberg
aufgenommen. Er verwendete Platten des Formats 9*12 cm und
photographierte in der Regel freihändig. Mit Lilienthal ist er wahrscheinlich
gleichfalls im Verein
zur Förderung der Luftschiffahrt bekannt
geworden. Er hatte dem Verein 1892 Wolkenbilder vorgelegt, die er vom
Boden aus aufgenommen hatte. Von 1894 an war er fast anderthalb
Jahrzehnte lang Herausgeber der Zeitschrift "Photographische Rundschau".

A.
Regis Das Atelier des Photographen A. Regis lag in
der Prinzenstraße in Berlin, nicht weit von Lilienthals
Maschinenfabrik entfernt. Der Name taucht im Zusammenhang mit
Lilienthal erstmals 1889 auf. Damals
bereitete Otto Lilienthal seinen dritten Vortrag im Zyklus
über den "Kraftaufwand beim Vogelfluge und seinen
Einfluß auf die Möglichkeit des freien Fliegens"
vor. Der Vortrag wurde am 15. April des Jahres im Saal der
Königlichen Kriegs-Akademie vor dem Verein zur
Förderung der Luftschiffahrt gehalten. Der Bruder Gustav
Lilienthal schrieb darüber an seine Verlobte Anna Rothe: "Den
experimentellen Nachweis, dass der Wind eine Richtung nach oben hat,
wird er durch Momentphotographien darstellen. Ich habe Regis
vorgeschlagen." Wir wissen
nicht, ob aus den beabsichtigten Aufnahmen etwas geworden ist,
wahrscheinlich aber nicht, denn sie tauchen nirgendwo auf. Dagegen hat
Regis später am Fliegeberg Flugaufnahmen vom Doppeldecker
gemacht. Von ihm stammen wahrscheinlich auch Portraitaufnahmen
Lilienthals sowie die beiden Aufnahmen vom Unglücksflugzeug im
August 1896. Es ist denkbar, dass er die Aufnahmen vom
abgestürzten Eindecker im Hofe der Maschinenfabrik im
offiziellen Auftrag angefertigt hat, denn es gab eine Untersuchung
über mögliches Fremdverschulden am Todessturz
Lilienthals.  P. W. Preobrashenski
Vom russischen Photographen P. W. Preobrashenski, der im
Sommer 1895 am Fliegeberg war und mehrere Aufnahmen von Experimenten
mit mechanischen Steuervorrichtungen am Vorflügelapparat
gemacht hat, wissen wir sehr wenig. Seine Photos sind erst 1961 in
Deutschland bekanntgeworden, als die Zeitschrift "Deutsche Flugtechnik"
zwei Aufsätze von Nikolai Shukowski aus dem Jahren 1896 und
1897 nachdruckte. Die Aufsätze waren mit zahlreichen
Flugaufnahmen illustriert, von denen Shukowski drei
ausdrücklich Preobrashinski zuschrieb. 
Robert
W. Wood Dem Amerikaner Robert W. Wood gelangen am
2. August 1896 drei Aufnahmen
von Flügen Lilienthals mit dem großen Doppeldecker
am Gollenberg bei Stölln, die gleichfalls erst vor einigen
Jahren in Deutschland bekanntgeworden sind. Wood kam nach einem Studium der
Naturwissenschaften 1894 nach Berlin und wurde Assistent von Prof.
Heinrich Rubens, dem bekannten Physiker an der Universität.
Wenige Jahre später wurde er selbst Professor für
experimentelle Physik an der Johns-Hopkins-Universität in
Baltimore im amerikanischen Bundesstaat Maryland. Forschungen auf dem
Gebiet der physikalischen Optik machten ihn berühmt, und er
kam nach dem Urteil kompetenter Zeitgenossen dicht an den Nobelpreis
heran. Mit Lilienthal ist
Wood wahrscheinlich ebenfalls im Verein zur Förderung der
Luftschiffahrt bekanntgeworden, denn er war nach eigenem Zeugnis an der
Flugfrage seit langem interessiert. Er besuchte Lilienthal am 1. August
1896 in der Maschinenfabrik und fuhr am folgenden Tage mit ihm nach
Stölln hinaus. Dort gelangen dem Amateurphotographen dann
seine Aufnahmen. Es sind die einzigen Flugaufnahmen vom Gollenberg, die
wir besitzen. In einem Zeitungsartikel,
der am 31. Oktober 1896 in Boston erschien, hat Wood
ausführlich über sein Zusammentreffen mit Lilienthal
und über dessen Doppeldeckerflüge am Gollenberg, eine
Woche vor dem Todessturz an gleicher Stelle, berichtet. |