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Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst

Der Vogelflug

(ein Reprint des Buches ist in Deutsch und Englisch erhältlich)

Zur Geschichte des Buches (Vorwort zur Neuauflage 2003)

Das Buch ist vollständig als Digitalisat verfügbar.

Inhalt


Vorwort
  1. Einleitung
  2. Das Grundprinzip des freien Fluges
  3. Die Fliegekunst und die Mechanik
  4. Die Kraft, durch welche der fliegende Vogel gehoben wird
  5. Allgemeines über den Luftwiderstand
  6. Die Flügel als Hebel
  7. Über den Kraftaufwand zur Flügelbewegung
  8. Der wirkliche Flügelweg und die fühlbare Flügelgeschwindigkeit
  9. Der sichtbare Kraftaufwand der Vögel
  10. Die Überschätzung der zum Fliegen erforderlichen Arbeit
  11. Die Kraftleistungen für die verschiedenen Arten des Fluges
  12. Die Fundamente der Flugtechnik
  13. Der Luftwiderstand der ebenen, normal und gleichmäßig bewegten Fläche
  14. Der Luftwiderstand der ebenen, rotierenden Fläche
  15. Der Angriffspunkt des Luftwiderstandes beim abwärtsgeschlagenen Vogelflügel
  16. Vergrößerung des Luftwiderstandes durch Schlagbewegungen
  17. Kräfterparnis durch schnellere Flügelhebung
  18. Der Kraftaufwand beim Fliegen auf der Stelle
  19. Der Luftwiderstand der ebenen Fläche bei schräger Bewegung
  20. Die Arbeit beim Vorwärtsfliegen mit ebenen Flügeln
  21. Überlegenheit der natürlichen Flügel gegen ebene Flügelflächen
  22. Wertbestimmung der Flügelformen
  23. Der vorteilhafteste Flügelquerschnitt
  24. Die Vorzüge des gewölbten Flügels gegen die ebene Flugfläche
  25. Unterschied in den Luftwiderstandserscheinungen der ebenen und gewölbten Flächen
  26. Der Einfluß der Flügelkontur
  27. Über die Messung des Luftwiderstandes der vogelflügelartigen Flächen
  28. Luftwiderstand des Vogelflügels, gemessen an rotierenden Flächen
  29. Vergleich der Luftwiderstandsrichtungen
  30. Über die Arbeit beim Vorwärtsfliegen mit gewölbten Flügeln
  31. Die Vögel und der Wind
  32. Der Luftwiderstand des Vogelflügels im Winde gemessen
  33. Die Vermehrung des Auftriebes durch den Wind
  34. Der Luftwiderstand des Vogelflügels in ruhender Luft nach den Messungen im Winde
  35. Der Kraftaufwand beim Fluge in ruhiger Luft nach den Messungen im Winde
  36. Überraschende Erscheinungen beim Experimentieren mit gewölbten Flügelflächen im Winde
  37. Über die Möglichkeit des Segelfluges
  38. Der Vogel als Vorbild
  39. Der Ballon als Hindernis
  40. Berechnung der Flugarbeit
  41. Die Konstruktion der Flugapparate
  42. Schlußwort
Tafel I: Luftwiderstand ebener, geneigter Flächen
Tafel II: Luftwiderstand gewölbter Flächen in ruhender Luft, rotierend gemessen.
Tafel III: Luftwiderstand gewölbter Flächen in ruhender Luft, rotierend gemessen.
Tafel IV: Luftwiderstand gewölbter Flächen in ruhender Luft, rotierend gemessen.
Tafel V: Schwankungen des Windes in der Höhenrichtung während 1.Minute.
Tafel VI: Luftwiderstand gewölbter Flächen nach den Messungen im Winde, aber ohne den verstärkten Auftrieb des Windes
Tafel VII: Luftwiderstand geneigter Flächen, verglichen mit dem Luftwiderstand normal getroffener Flächen.
Tafel VIII: Flügel eines 4 kg schweren Storches

 

Vorwort

Die Kenntnis der mechanischen Vorgänge beim Vogelfluge steht gegenwärtig noch auf einer Stufe, welche dem jetzigen allgemeinen Standpunkt der Wissenschaft offenbar nicht entspricht.
Es scheint, als ob die Forschung auf dem Gebiete des aktiven Fliegens durch ungünstige Umstände in Bahnen gelenkt worden sei, welche fast resultatlos verlaufen, indem die Ergebnisse dieser Forschung die wirkliche Förderung und Verbreitung einer positiven Kenntnis der Grundlagen der Fliegekunst bei weitem nicht in dem Maße herbeiführten, als es wünschenswert wäre. Wenigstens ist unser Wissen über die Gesetze des Luftwiderstandes noch so mangelhaft geblieben, daß es der rechnungsmäßigen Behandlung des Fliegeproblems unbedingt an den erforderlichen Unterlagen fehlt.
Um nun einen Beitrag zu liefern, die Eigentümlichkeiten der Luftwiderstandserscheinungen näher kennen zu lernen, und dadurch zur weiteren Forschung in der Ergründung der für die Flugtechnik wichtigsten Fundamentalsätze anzuregen, veröffentliche ich hiermit eine Reihe von Versuchen und an diese geknüpfter Betrachtungen, welche von mir gemeinschaftlich mit meinem Bruder Gustav Lilienthal angestellt wurden.
Diese Versuche, über einen Zeitraum von 23 Jahren sich erstreckend, konnten jetzt zu einem gewissen Abschluß gebracht werden, indem durch die Aneinanderreihung der Ergebnisse ein geschlossener Gedankengang sich herstellen ließ, welcher die Vorgänge beim Vogelfluge einer Zergliederung unterwirft, und dadurch eine Erklärung derselben, wenn auch nicht erschöpfend behandelt, so doch anbahnen hilft.
Ohne daher der Anmaßung Raum zu geben, daß das in diesem Werke Gebotene für eine endgültige Theorie des Vogelfluges gehalten werden soll, hoffe ich doch, daß für jedermann genug des Anregenden darin sich bieten möge, um das schon so verbreitete Interesse für die Kunst des freien Fliegens noch mehr zu heben. Besonders geht aber mein Wunsch dahin, daß eine große Zahl von Fachleuten Veranlassung nehmen möchte, das Gebotene genau zu prüfen und womöglich durch parallele Versuche zur Läuterung des bereits Gefundenen beizutragen.
Ich habe die Absicht gehabt, nicht nur für Fachleute, sondern für jeden Gebildeten ein Werk zu schaffen, dessen Durcharbeitung die Überzeugung verbreiten soll, daß wirklich kein Naturgesetz vorhanden ist, welches wie ein unüberwindlicher Riegel sich der Lösung des Fliegeproblems vorschiebt. Ich habe an der Hand von Tatsachen und Schlüssen, die sich aus den angestellten Messungen ergaben, die Hoffnung aller Nachdenkenden beleben wollen, daß es vom Standpunkt der Mechanik aus wohl gelingen kann, diese höchste Aufgabe der Technik einmal zu lösen.
Um mich auch denen verständlich zu machen, welchen das Studium der Mathematik und Mechanik ferner liegt, also um den Leserkreis nicht auf die Fachleute allein zu beschränken, war ich bemüht, in der Hauptdarstellung mich so auszudrücken, daß jeder gebildete Laie den Ausführungen ohne Schwierigkeiten folgen kann, indem nur die elementarsten Begriffe der Mechanik zur Erläuterung herangezogen wurden, welche außerdem soviel als möglich ihre Erklärung im Texte selbst fanden. Weitergehende, dem Laien schwer verständliche Berechnungen sind darin so behandelt, daß das allgemeine Verständnis dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Wenn hierdurch denjenigen, welche an den täglichen Gebrauch der Mathematik und Mechanik gewöhnt sind, die Darstellung vielfach etwas breit und umständlich erscheinen wird, und diesen Lesern eine knappere Form wünschenswert wäre, so bitte ich im Interesse der Allgemeinheit um Nachsicht. Somit übergebe ich denn dieses Werk der Öffentlichkeit und bitte, bei der Beurteilung die hier erwähnten Gesichtspunkte freundlichst zu berücksichtigen.

Otto Lilienthal